r e l a t i v e   S o l m i s a t i o n

“Singen ohne Noten”   -   relative und absolute Namen für Töne bis zur Entstehung der heutigen Notenschrift

Der Mönch und Musiktheoretiker Guido von Arezzo war der erste Mensch in unserer europäischen  Musikgeschichte, der sich  gegenüber der Kirche durchsetzen konnte, die “heiligen Töne” zu benennen. Bis dahin war Melodie nur über Hören und Nachsingen weiter gegeben worden, oder grafisch, über die so genannten Neumen (griechisch: neuma “Wink”) - nach imitierten Melodienlinien des Dirigenten, welche meist über den Gesangstext geschrieben wurden.

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Guido von Arezzo leitete die ersten Töne: Ut  Re  Mi  Fa  So  La  als Anfangssilben eines heiligen Liedes ab und erreichte damit einen erforderlichen religiösen Zusammenhang. Später, als anerkannter Musiktheoretiker legte er die uns bekannte alphabetische Benennung der absoluten Tonhöhe A B C D E F G fest und verwies die Töne grafisch in ein Liniensystem, aus dem sich die heutige Schreibweise mit den 5 Linien ableitet  .

“Do”  war Ende des 10. Jahrhunderts noch das “Ut”, mit dem der “Hymnus des Johannes” begann. Bei ihm  gab es zunächst nur sechs Töne: Ut Re Mi Fa So La.

Das “Si” als siebte Stufe (Vorläufer von “Ti” der relativen Solmisation)  kam erst später dazu, nachdem die europäischen Hörgewohnheiten sich über orientalische Einflüsse änderten und neue musikalische Gesetze schufen.

Guido von Arezzo 992-1050

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Hymnus Maske1

Relativ und Absolut  -  Von Guido von Arrezzo bis heute

Relativ  Die Benennung der Töne mit Do Re Mi Fa So La Ti bezieht sich immer auf ein Grundton bezogenes System, nachdem von jeder Tonhöhe aus das gleiche Lied gesungen werden kann. Natürlicherweise wählen alle, ob Erwachsene, oder Kinder eine der Stimmlage entsprechende Tonhöhe. Wenn zusammen gesungen wird, einigt man sich auf das gleiche ”Do” und oktaviert es gegebenenfalls, damit alle in der selben Tonart singen. Daher eignet sich diese Weise der Benennung besonders, wenn im Chor zusammen gesungen wird. Die Beziehungen der Töne zu dem jeweiligen Grundton sind immer die selben und bleiben nach einer Modulation bestehen, da sich der Grundton “Do” relativ verschiebt. Wenn ein Spieler eines Begleitinstruments sich an den mit C D E usw. benannten Griffen oder Tasten belegten Instrument orientiert, muss er die Musik entsprechend solmisierend übersetzen, um die Musik Grundton bezogen zu erfassen.

<<< hier klicken Hörprobe “2 Stimmige Singübung von Aniko Baberkoff”

Absolut  Das alphabetische, absolute Benennungssystem eignet sich besonders für die Benennung der Töne in der Instrumentalmusik. Sie dient schon beim Bau der Instrumente zur Orientierung. Bei der absoluten Notation dient sie als Übereinkunft gleicher Tonhöhe beim Zusammenspiel für alle Instrumente mit ihren über Griffe oder Tasten festgelegten Töne.

mehr Hören oder mehr Sehen 
Wegen der beiden verschiedenen Arten  der Tonbenennung (relativ und absolut) gab und gibt es bis heute zwei Lager von Befürwortern der einen und der anderen Methode. Zahlreiche Abhandlungen für und wider (relatives) Solmisieren verhindern bis heute eine gemeinsame Einsicht, das  für die  musikalische Erziehung eigentlich die relative Solmisation die direktere und ganzheitliche Methode ist. Das musikalische Erlebnis bleibt im Vordergrund, während die musikalische Vorstellung von Tonalität und ein gutes inneres Gehör für reine Intonation ganz von alleine entsteht. Sowohl
für das Erlernen eines Instruments als auch zum Verständnis der Musiktheorie dient die Relative Solmisation in der Musikerziehung als stabile Grundlage.
Zunächst sichtbar sind die Töne in den Noten und als Griffkombination der Hände auf dem Instrument.
Um mit der absoluten Benennung ein Instrument zu bedienen, benötigt man zunächst kein inneres Gehör, Je nach musikalischem Talent entsteht es von selbst. Wer geschickt, ist kann lernen, einen Notentext visuell rasch zu erfassen und über die Spielweise eines Instrumentes rhythmisch und dynamisch angemessen wieder zu geben. Auf diese Weise klingt jedes fehlerfrei gespielte Musikstück immer nach etwas Besonderem.  Die Gestaltung der emotionalen Aussage der Musik bleibt Angelegenheit des Künstlers. Das eigentliche Musizieren muss aber nicht mit hohen Ansprüchen an Instrumentalkünstlern in Verbindung gebracht werden. Es beginnt schon beim Singen eines einzelnen Tons.

Moderne Zeiten der Solmisation  von Ann Glover bis Aniko Baberkoff

Sarah-Anna-Glover

Sarah Ann Glover 1785-1867

Sarah Ann Glover  griff die relative Solmisation auf und verwandte sie als Musikerzieherin an Armenhäusern für den Musikunterricht. Ihre “Norwich Sol-Fa Methode” ermöglichte es ihr, auf teueres Notenmaterial zu verzichten. Sie orientierte sich zum Singen mit ihren Schülern an den einfachen Solmisationstönen auf einer Tafel .

Aus der “Norwich Sol-Fa Methode von Sarah Ann Glover entwickelte  John Curven die “Tonic Sol-Fa Methode”. Dafür legte er die danach bis heute international gültigen Handzeichen fest.

Ab dem 19 Jahrhundert wurde die  Relative Solmisation auch im deutschsprachigen Raum mit der “Tonika Do Lehre” von Agnes Hundoegger   eingeführt. Ebenfalls entstanden zahlreiche, auf neue oder ähnliche angelegte relativ anwendbare Tonssilben basierende Methoden, welche zwar zeigen, wie überzeugend die Relative Solmisation ist, aber wie schwer sie es hat, sich als allgemein gültiges  effektives Hilfsmittel in der Musikerziehung durchzusetzen.

Agnes Hundoegger 1882-1927

John Curven

John Curven 1816-1880 und  seine Handzeichen

Agnes Hundoegger
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Aniko Baberkoff´-Montag    * 1. 10. 1938, Budapest

Zoltan Kodály

Zoltán Kodály  1882-1967

Sehr erfolgreich hat sich dahingegen bis heute die Codáli-Methode als staatlich anerkannte und geförderte Methode in Ungarn bewährt. Hier wurde die Relative Solmisation mit den heute noch gültigen Handzeichen von John Curven vom ungarischen Volkskomponisten Zoltán Kodály als allgemein gültiges Unterrichtskonzept in allen staatlichen Regel- und Musikschulen eingeführt. Seine zum Teil sehr strengen Unterrichtsinhalte mit der Solmisation leisten eine intensive Gehörbildung mit oft bewunderten Fähigkeiten. Mehrstimmiges Hören bei Diktaten, und sicheres Blattsingen mit häufig wechselnden Notenschlüsseln werden mit Leichtigkeit gemeistert.

Als Enkelschülerin von Zoltán Kodály kam Aniko Baberkoff 1963 nach Deutschland und brachte seine Methode der Solmisation als Grundlage ihrer eigenen Methode “Hören Singen Spielen” mit. Bei ihrer Methode soll die relative Solmisation eine Innere Tonvorstellung, die gleich mit dem emotionalen Erleben der Musik verbunden ist anlegen. Beim Erlernen eines Musikinstruments kann so frühzeitig ein Anspruch angelegt werden, Musik emotional zu gestalten.

“Die Singsilben Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti-Do' und die Handzeichen - als „ Urbild ” der Notenschrift - bieten eine Möglichkeit, mit den Tönen auf aller einfachste Weise zu improvisieren, ihre Beziehungen zueinander zu entdecken und sie später auf das Instrument zu übertragen.”

Aniko Baberkoff ist private Herausgeberin einer Reihe von Unterrichtsmaterialien mit  “relativer Solmisation”.  In regelmäßigen Seminaren und Kursen vermittelt sie ihre Methode in Deutschland, Österreich und Ungarn. Die Handzeichen nach Aniko Baberkoff  sind gegenüber John Curvin geringfügig abgewandelt, um  ihre harmonische Funktionalität (alterierte Töne) optisch verständlicher darzustellen.

Informationen über die Methode von Aniko Baberkoff Montag (<<< hier klicken), oder unter  www.hoeren-singen-spielen.de.

Aniko 1

abweichende Handzeichen oben: Aniko . Baberkoff unten: Curven / Kodáli

Curven Baberkoff Fa So
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